Der Konstruktivismus – Die Wahrheit mit Halbwertszeit – Podcastempfehlung

Wie konnte mir diese Podcastepisode bisher entgehen? Ich habe gerade einmal wieder in den alten Episoden des von mir sehr geschätzten Soziopod von Nils Köbel und Patrick Breitenbach gekramt und eine Episode aus dem Jahr 2012 ausgegraben. Der Konstruktivismus – Die Wahrheit mit Halbwertszeit. Mit knapp 2 Stunden ein echtes Schwergewicht unter den Podcast-Folgen, aber in jeder Minute hörenswert.

Es startet direkt mit einer fulminanten Einspielung, des 90jährigen Heinz von Foerster, der nichts von seiner Überzeugung, Eloquenz und Spaßigkeit verloren hat, für die er bekannt und geliebt wurde. „Herr von Foerster, jetzt muss ich dumm fragen…“ „Das kann ich verstehen.“ „Aber es muss doch Grenzen geben“ „Eben nicht, das ist ja das Schöne, da kann man immer wieder weiter.“ “ In der Logik“ „YES, genau!“ „Aber in der Realität…“ „Die Realität, wo haben Sie die?“

Es geht um die Grundlagen des Konstruktivismus bei Piaget. Glaserfelds und Foersters Fortführung des radikalen Konstruktivismus und was die beiden voneinander unterscheidet. Wie entwickeln wir unsere Realität, wie kann man das biologisch erklären. Maturana und Varela kommen ebenfalls zur Sprache. Behandelt werden z.B. das Phänomen des blinden Flecks, wie nicht nur Individuen, sondern auch Systeme Wirklichkeit konstruieren und wie damit die Hinführung zur systemischen Beratung und Therapie fast zwangsläufig war und was genau die systemische Therapie eigentlich mit dem Konstruktivismus zu tun hat. Z.B., dass BeraterInnen und TherapeutInnen nie objektiv auf ihre Systeme schauen können.
Natürlich finden auch die Riesen, auf deren Schultern die Konstruktivisten stehen eine Erwähnung, so zum Beispiel Kant, Wittgenstein und antike Philosophen.

Wunderbar ist, wie immer wieder die sympatischer Verschrobenheit der Charaktere wie von Foerster und Anderen in den Erzählungen durchscheinen. Diese Grundhaltung, dieser lächelnde Blick auf die Welt, wird für mich nach über einem Jahrzehnt der Auseinandersetzung mit den Konstruktivisten und Systemikern immer wichtiger als die eigentlichen Methoden, Erkenntnissen, oder sagen wir besser Erfindungen. Für diesen Zusammenhang war wür mich der Gesprächsteil über die Ethik Konstruktivismus ein highlight.

Wunderbar gefällt mir auch, wie begeistert Patrick Breitenbach über den Konstruktivismus berichtet, der ihn vor dieser Sendung relativ frisch für sich entdeckt zu haben scheint. Köbel, der dem Konstruktivismus eher kritisch gegenübersteht stellt ihn mit Karl Popper immer wieder auf die Probe und es entspannt sich eine wunderbare Diskussion über den Wahrheitsbegriff, welche in Zeiten von fake news und flatearthern brandaktuell ist.

Hörenswert ist diese Episode auch, weil sie eine Sammlung von wirklich empfehlenswerter Literatur rund um das Thema Konstruktivismus anbietet.

Wem diese dialogische Annäherung an den Konstruktivismus und die Systemtheorie gefallen hat, könnte sich auch für meine Artikel zu Heinz von Foersters Kybernetik und zu Maturana und Varelas Autopoiesis interessieren. Als Anschlusspodcast empfehle ich, ebenfalls von Soziopod, was ist das für ein Luhmann und den ebenfalls großartigen Boden der Tatsachen.

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