Avatarspielchen in der VR-Beratung

Dies ist ein Artikel aus der Reihe über systemische Beratung und Therapie in virtual reality.

Vor kurzem habe ich den Artikel über die Zwerg Riese Aufstellung in virtual reality geschrieben. Heute möchte ich weitere Methoden bzw. Kurzintervention vorstellen, die so nur in virtueller Realität durchgeführt werden können. Bei den Avatarspielchen handelt es sich in der Regel um jahrelang etablierte Methoden, die in VR ganz toll und einfach umgesetzt werden können. Allen diesen Methoden ist gemeinsam, dass sie mit dem Avatar, also der digitalen Repräsentationen der eigenen Person spielen und dieses Spiel als Reflektion oder Perspektivwechsel in den Beratungs-. bzw. Therapieprozess eingebracht wird. In den meisten VR Programmen kann zwischen einer schier endlosen Vielfalt von Avataren gewählt werden. Diese können sehr eng dem eignen Aussehen nachempfunden werden, oder absolut frei sein. Es ist möglich als 20cm große Banane durch virtuelle Welten zu hüpfen, oder sich als 15m hoher Kermit der Frosch über alle zu erheben. Kriegerin, Monster Winnie der Puhbär, man kann innerhalb von Sekunden das eigene Außenbild verändern. Das Konzept davon wer ich bin, wer die andere Person ist wird fluider, ein spielerischer Umgang wird gefördert. Zudem kommt eine ganz Erfahrung hinzu, die die meisten Menschen nur am Telefon machen: “wie werde ich wahrgenommen, wenn von meinem Körper abgesehen wird?” Eine wunderbare Möglichkeit für Beratung und Therapie.
Mir geht es hier nicht darum die Methoden explizit vorzustellen oder Anleitungen zu geben, wie diese exakt durchgeführt werden. Vielmehr möchte ich den Blick dafür öffnen was in einer Beratung in VR möglich ist, wenn man beginnt mit den Avataren zu spielen.

Avatare statt Karten

Am Anfang einer Sitzung wird häufig auf das aktuelle Befinden eingegangen. Auch in der Arbeit mit Gruppen wird oft mit einer Runde über die eigene Befindlichkeit gestartet. Dabei kommen häufig auch (Post)karten zum Einsatz, die Bilder darauf laden zum Assoziieren ein. Diese symbolische, bzw. grafische Brücke können wir in VR auch nutzen. So kann z.B. dazu aufgefordert werden einen Avatar zu wählen, der der eigenen Stimmung am meisten entspricht, z.B. indem am Anfang ein virtueller Rundgang durch eine Avatar-Welt unternommen wird.

Avatare in der Gruppentherapie

Gerade in Methoden die damit arbeiten, dass innere Anteile oder Familienmitglieder durch Teilnehmende einer Gruppentherapie dargestellt werden (Rollenspiele, Aufstellungen etc), kann ein Spiel mit Avataren sehr sinnvoll sein. So könnte z.B. für die Person, die in einer Aufstellung die Stärke repräsentieren soll ein Bär-Avatar gewählt werden. So ergibt sich ein buntes, sehr eindrucksvolles Bild, ganz ohne muffige Verkleidungskiste.

Wer bist du? – wer bin ich?

Systemiker*innen sollte bewußt sein, dass sie als Beratende oder Therapierende selbst Teil des Systems “Beratungssitzung” sind. Insofern sollte man selbst einmal den eigenen Avatar-Auftritt ins Spiel bringen. Zum Beispiel mit der Frage in der ersten Sitzung “Welchen Avatar sollte ich denn in der heutigen Sitzung benutzten? Was bin ich, oder sollte ich für Sie sein?” Man kann zur Demonstration in verschiedenste digitale Körper schlüpfen, vielleicht auch den Avatar einer alten Weisen, oder eines Hofnarren einfließen lassen. So hat die Klientin oder der Klient einen für Sie passenen Avatar vor sich und man ist natürlich sofort im Reflektionsprozeß. “Was soll ich hier eigentlich für Sie sein?” Eine ganz zentrale Fragen im Beratungsprozess kommt so spielerisch direkt in die Sitzung.

VR ist körperneutral

Sehr interessant wird zudem ob und wie das Sein in einem Avatar das Handeln verändert. Ich bin dazu noch über keine wissenschaftlichen Forschungen gestoßen und kann nur Anekdotisches beitragen, z.B. über die Klientin, die das Gefühl hatte offener Sprechen zu können, weil ihr “kein echter Mensch” gegenübersaß.
Vielleicht führt ein Avatar auch dazu, dass sicherer agiert wird, z.B. weil Avatare die eigene ggfs. als mangelhaft empfundene Körperlichkeit in den Hintergrund treten lässt. Der reale Körper spielt in VR prinzipiell keine Rolle.

Standardmäßig nutze ich mittlerweile in der Regel einen angepassten Avatar, der mir selbst ähnelt.

Schreibe einen Kommentar