systemische Beratung in VR – Beobachtungen aus der Praxis

Hier sammle ich fortwährend Beobachtungen aus meiner beraterischen Tätigkeit in VR; neue Beobachtungen finden sich am Anfang der Liste. Sie sind lediglich als Diskussionsbeitrag und Erinnerungsstützen zu verstehen und erheben nicht den Anspruch einer best practice:

  • Vieles ist auf Englisch geschrieben. Das schränkt eine komfortable Bedienung für manche Menschen ein.
  • Die Möglichkeit nicht die Mimik der Klient*in lesen zu können kann zu Irritationen führen. In einem Fall konnte z.B. eine ironische Intervention nicht als Ironie gelesen werden. Gerade ein „Mitfühlen“ ist durch Avatare schwerer möglich
  • Es fehlt die Möglichkeit sich schnell kurze Notizen zu machen. Es ist daher wichtig direkt nach dem Gespräch eine ausführliche Dokumentation anzulegen.
  • In der ersten gemeinsamen Arbeitsstunde sollte der Fokus in jedem Fall in einem Vertrautwerden mit der Technik liegen. Es braucht meiner Erfahrung nach in etwa eine halbe Stunde bis Klient*innen, die zum ersten Mal in der VR sind, sich mit der Technik vertraut gemacht haben und „angekommen“ sind.
  • In VR ist man durch die VR-Brille blind für das was IRL gerade geschieht. Daher ist es noch wichtiger als sonst, dass die Personen den realen Ort der Beratung akzeptieren und sich dort gut aufgehoben fühlen. Für mich hat es sich bewährt vor der VR-Sitzung einen kurzen Rundgang, auch durch die Nebenräume des Beratungsraumes zu machen.
  • In VR blendet man anfangs die realen Umgebungsgeräusche aus. Bemerkt habe ich das in einem Test mit einer Kollegin von mir, die nicht mitbekommen hatte, dass ihr Freund IRL vor dem Beratungsraum vorbeigegangen ist. Ich habe ihn anhand seiner Stimme erkannt und führe dieses „zweite Ohr“ darauf zurück, dass ich mit VR schon vertrauter war und mich auch wieder auf Anderes konzentrieren konnte.
  • Die Vorbereitung auf eine VR Sitzung benötigt mehr Zeit. Es empfiehlt sich die Brillen auf den Beratungsort vorzukonfigurieren, damit die Personen direkt in der „Arbeitsumgebung“ starten und nicht durch zusätzliche Inputs wie Auswahl der App etc. abgelenkt werden. Zudem muss sichergestellt sein, dass die Technik funktioniert (Ladezustand, Batterien wechseln etc. pp.) und die Geräte sauber und desinfiziert sind.
  • Klient*innen müssen gut begleitet und eingeführt werden. Wichtig ist es anzusprechen was in VR erlebt werden kann und was nicht. Auch auf mögliche Nebenwirkungen, wie z.B. auf ein mögliches Schwindelgefühl durch die virtuelle räumliche Wahrnehmung ist hinzuweisen (motion sickness).
  • In der Sitzung mit einer Klientin erschien ihr mein Avatar stehend, während ihr Avatar saß. Von meinem Blickpunkt waren beide Avatare auf Augenhöhe. Dies führte dazu, dass sie IRL ihren Kopf hob um meinem Avatar ins Gesicht zu sehen. Sich nicht „auf Augenhöhe zu begegnen“ ist für mich ein absolutes no go und ich bin sehr froh diesen graphischen Bug, leider erst in der abschließenden Besprechung zur Sitzung, aufklären zu können. Es ist sinnvoll schon im Vorfeld die Klient*innen auf mögliche Darstellungsfehler hinzuweisen.
  • Ich habe erst in der Arbeit mit VR die vielfältigen Möglichkeiten der Gestik kennengelernt. Normalerweise nutze ich Gestik nur sehr eingeschränkt. Da durch die Avatare keine Mimik ausgedrückt werden kann, wird Gestik um so wichtiger.
  • Fast alle Menschen mit denen ich nach einer Sitzung gesprochen habe äußerten, dass sie nach dem ersten intensiven Benutzen einer VR Brille sehr intensiv geträumt haben und sich die VR Erfahrung „in den Traum geschlichen hat“.
  • Die Räume sind ziemlich klein, eine Klientin äußerte sie hätte gerne, anstatt sich nur auf virtuellen Stühlen zu sitzen, einen virtuellen Spaziergang gemacht. Auch dies ist in VR möglich. In der App Wander ist es sogar möglich zu zweit um die Welt zu spazieren.

  • Ich habe in den letzten Wochen in einigen Sitzungen die Möglichkeit Stifte zu nutzen exploriert. Während normale Stifte eine Unterlage benötigen auf der geschrieben wird (Karteikarte, whiteboard, Flipchart, Wand etc.) können digitale Stifte den Raum selbst beschreiben. Dies ist auf der einen Seite sehr gewöhnungsbedürftig, da so dreidimensionale Schrift entsteht, auf der anderen Seite bietet diese Art des Schreibens ganz neue Möglichkeiten der Interaktion mit dem Geschriebenen.

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Dieser Artikel ist Teil meines Projektes „Beratung in VR“. Weitere Beiträge beschäftigen sich grundlegend mit der Frage warum VR die Zukunft der systemischen Beratung sein könnte. Was Vorteile und Nachteile sind.

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