Kurt Lewin – zwei Podcastempfehlungen

In der Serie Radiowissen des bayrischen Rundfunk erschien vor kurzem eine Wiederholung einer Radiosendung von 2016 Kurt Lewin – Feldtheorie und Gruppendynamik von Brigitte Kohn.

Der bekannte Psychologe Kurt Lewin gilt als Begründer der modernen Sozialpsychologie und wichtiger Anstoßgeber für die Gestaltpsychologie und hat definitiv für Systemiker*innen Relevanz.
Gestaltpsychologische Methoden werden auch in der systemische Beratungsarbeit angewandt und eine Beschäftigung mit der Feldtheorie lohnt sich, da sie systemischem Denken recht nahe kommt und es beeinflusst hat. So findet sich im Wikipedia Artikel zu Kurt Lewin folgende sechs wesentlichen Charakteristika seiner Feldtheorie:

Die konstruktive Methode: Der Übergang von einer klassifizierenden zu einer konstruierenden bzw. genetischen Methode ist notwendig.

Der dynamische Ansatz: Ähnlich der Psychoanalyse sollen Konstrukte und Methoden entwickelt werden, die sich mit den dem Verhalten zugrunde liegenden Kräften befassen.

Der psychologische Ansatz: Für eine psychologische Feldtheorie ist es notwendig, das Feld nicht in objektiven physikalischen Begriffen zu verstehen, sondern in der Art und Weise zu beschreiben, in der es für das Individuum zu der gegebenen Zeit existiert.

Ausgangspunkt der Analyse ist die Gesamtsituation: Teile müssen als Aspekte einer Gesamtsituation verstanden werden.

Das Verhalten als eine Funktion des je gegenwärtigen Feldes: Die psychologische Vergangenheit und Zukunft bedingen psychologisch Gegenwärtiges, da sie beeinflussende Felder für das gegenwärtig existierende Feld darstellen.

Die mathematische Darstellung psychologischer Situationen: Vektordarstellungen und Topologien sind für Lewin allen anderen Begriffssystemen überlegen.

Wie einflussreich Kurt Lewin für das systemische Denken war zeigt sich auch in der Tatsache, dass er einer der Teilnehmenden der Macy Konferenzen war, wohl einem der wichtigsten Ausgangspunkte der Kybernetik/Systemtheorie und dort auf Personen wie Heinz von Foerster, Gregory Bateson, Magred Mead und Norbert Wiener traf.

Insgesamt ein toller Podcast, der einen ersten Einblick in Lewins Denken und Theorien gibt. Die etwas sperrige Feldtheorie wird anschaulich nahe gebracht und auch seine Forschungen zur Gruppendynamik werden beleuchtet und zwar auf eine Weise, die den (politischen) Menschen Kurt Lewin, nicht hinter seinen Werken verschwinden lässt.
So werden z.B. seine mitfühlenden Beobachtungen erwähnt, wenn er zu autoritären Lehrpersonen forscht oder sein 3 Phasen Modell für Wandlungen in Gruppenprozessen (unfreezing, moving, freezing) vorgestellt, welches er entwickelte um das autoritäre Nazideutschland in eine demokratische Gesellschaft zu transformieren.
Kurt Lewin war also nicht nur Theoretiker, sondern auch jemand, der aus der Praxis für die Praxis Modelle und Theorien entwickelte, die auch heute noch, z.B. in der Organisationsberatung Anwendung finden.

Wem diese Podcastepisode noch nicht gereicht hat, dem empfehle ich die ebenfalls in 2016 ausgestrahlte Radiosendung Der Psychologe Kurt Lewin – Pionier der Gruppendynamik welche sich noch beim SWR2 nachhören lässt. Diese legt den Fokus noch etwas mehr auf die Anwendungen Lewins Forschungen zu Gruppendynamiken z.B. über das Feedback. Damit dürfte sie für Praktiker*innen noch interessanter sein, da hier auch noch ausführlicher die Personen zu Wort kommen, die heute z.B. in der Organisationsberatung mit den Methoden Lewins arbeiten.

Natürlich hat diese Folge, nicht nur wenn es um die biografischen Fakten Lewins geht, einige Überschneidungen mit der der anderen Podcastepisode. Beide sind sehr ähnlich aufgebaut. Es empfiehlt sich aber wirklich beide Podcastfolgen zu hören, da die Folge des SWR2 5 Minuten länger ist und so mehr Zeit für Tiefe hat und etwas andere Schwerpunkte setzt. So wird z.B. an verschiedenen Stellen aufgezeigt, wie Lewin in seinen Forschungen, in der Praxis immer bereit war seine Vorgaben zu ändern, „mit dem Fluss zu gehen“ und so neue Erkenntnisse zu generieren, z.B. indem er während des Experimentes mit den verschiedenen Lehrstilen einen weiteren, neuen Lehrstil einführt, der sich für ihn im Experiment selbst ergeben hatte.

Absolut empfehlenswert und ein must hear.